Virtuelle Läufe – wird das die neue Art des Laufens sein?

Bayerische Laufzeitung, 15. April 2020

Virtuelle Läufe – wird das die neue Art des Laufens sein? Warum der Ostermarathon2020 zu einem Treffen kleiner und ganz großer Laufspezies wurde.

PDF -Virtuelle Läufe

Von Erwin Fladerer

Wir kennen die einen, die Laufen nur über den Wettkampf verstehen. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau in ernsten Rennen, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das geht quer durch alle Altersklassen, wenn damit auch Meistertitel vergeben werden. Und für die erfolgreichsten Athleten um Siegprämien.

Die andere Schicht scheut sich förmlich vor Wettkämpfen. Vornehmlich dann, wenn sie Bestzeiten tauglich über die glatten Distanzen führen. Für sie sind Bahnbewerbe und Meisterschaftsrennen kein Thema. Wir finden sie aber vornehmlich bei Benefizläufen und Veranstaltungen, die ohne Startnummer und evtl. mit einem Teilnehmershirt ablaufen.

Nicht oft bringt man sie zusammen, sieht sie bei Veranstaltungen. Aufgrund der Coronakrise mussten im ersten Halbjahr 2020 nahezu alle Veranstaltungen abgesagt werden. Doch manche Organisatoren machten sich schlau und boten einen virtuellen Lauf an. In Gedanken beim Lieblingslauf sein und daheim laufen, jeder für sich. Sogar der Eintrag in eine Teilnehmerliste war möglich. Mehr noch: durch die Eingabe von Strecke und Zeit war auf einem Live-Ticker die komplette Veranstaltung vom heimischen PC nachzuvollziehen.Schnell taucht die Frage auf, ob derartige virtuelle Läufe nicht die neue Art des Laufens sein können? Für Veranstalter ergäben sich kaum Risiken und deutlich weniger Aufwand. Für Läuferin und Läufer, die ohnehin gerne für sich selbst laufen die ideale Möglichkeit und für Veranstalter die Chance, jene Spezies zu gewinnen. Doch wo bleiben die andern? Können damit Veranstaltungen für jedefrau und jedermann entstehen? Sicher nicht, denn es fehlt für viele vor allem

• am freundschaftlichen Treffen von Läufern und Vereinen
• am sportlichen Wettkampf, sich läuferisch messen
• und damit an Platzierungen sowie Bestätigung der eigenen Leistung. Sie ist nicht nachvollziehbar und damit nicht transparent.

Ich stelle die Frage an Gernot Weigl vom MÜNCHEN MARATHON, der kurzfristig an den Ostertagen einen virtuellen OSTERMARATHON2020 organisierte.

Jeder für sich und alle für einen guten Zweck

Weigl: „Es hängt von vielen Faktoren ab, vor allem wie die gesundheitspolitischen Vorgaben und Entscheidungen sind, auch weltweit. Jedenfalls steht eines fest, und das sehen wir an den positiven Reaktionen, der vielen hunderten von Läuferinnen und Läufern, die vornehmlich in den sozialen Netzwerken posten. Es war neu, es war einfach und jeder konnte seine läuferische Freiheit genießen mit einer Vorgabe, an vier Tagen die Marathondistanz zu bewältigen.

• Ohne Zeitdruck
• Ohne festgelegte Startzeiten und definierten Zielzeiten
• Ohne eine vorgegebene Strecke
• Ohne Wettkampfstress
• Ohne Reisetätigkeit vom und zum Wettkampf

Eines muss man aber feststellen, der OSTERMARATHON2020 in dieser Form hätte nicht geklappt, wenn nicht mehr dahinter steckt. Vorrangig war es das richtige Produkt (Marathon) zum richtigen Zeitpunkt (Coronakrise mit allen Begleiterscheinungen am Höhepunkt der Frühjahrs-Wettkampfsaison und dazu noch an den vier Osterfeiertagen), also ein großzügiges Zeitfenster. Dazu der unschlagbare Faktor am richtigen Ort (jeder in seiner Umgebung, ab seiner Haustüre)“.

Fazit:

Die Beteiligung am virtuellen Ostermarathon2020, der von der MÜNCHEN MARATHON GmbH organisiert wurde, hatte wie von Gernot Weigl beschrieben viele positive Eigenschaften, dazu eine überaus günstige Wetterprognose. Ebenso fühlen sich gerade in der jetzigen Zeit viele Menschen angesprochen, wenn es um eine Charity-Veranstaltung geht. Keine Veranstaltung ist für alle maßgeschneidert. Dazu kommen zeitliche und persönliche Voraussetzungen. Der Ostermarathon2020 hat aber zur Überraschung gezeigt, dass sich sowohl Hobby- als auch Leistungsläufer angesprochen fühlten.

Von Zuhause aus mit der Familie laufen

war zweifelsohne ein Vorteil. Die Familie Dilba machte es vor. Und es war möglich, dass Daniel, Elena, Isabel und Walter jeweils einen Marathon schafften. Das Zeitfenster von vier Tagen machte es möglich.

Das neue Format war auch für Gerhard Fenzl die Chance, wieder näher an die Laufcommunity zu rücken. Scheibchenweise hatte der „alte Laufhaudegen“ nach vier Tagen wieder eine 42 Komma stehen. Schon lange war er dazu nicht mehr imstande. Die Idee von Gernot Weigl und Team motivierte das Münchner Lauf-Urgestein. Er teilte sich das Ziel in für ihn verträglichen Dosen von 8 x 5,3 km auf. Ebenso seine Frau Christina, die sich im Januar beim Skifahren das Kreuzband gerissen hat. „Wir hatten gerade eine Woche vor Ostern wieder mit dem Laufen angefangen: 2,5 km, 3 km, 3,5 km, früher Pipifax! Ohne den Ostermarathon wären wir nie auf die Idee gekommen, jeden Tag 10plusX km zu laufen, so Gerhard Fenzl vom Stammtisch Menzing.

Leiter des Münchner Sportamtes geht voran

Obwohl die Beteiligung national, ja sogar internationales Format hatte, hielten viele Münchner dem Ausrichter die Treue. Allen voran der Leiter des Münchner Sportamtes Jürgen Sonneck, der es sich nicht nehmen ließ, einen ganz neuen Marathon in seiner Stadt zu finishen. Zwei Stunden 47 Minuten schafft er sonst am Stück, diesmal an den vier schönen Ostertagen. Auch Fredl Brechelmacher war natürlich dabei, wie immer wenn es in München um Marathon geht. Der fitte Postbote hat noch keinen der bislang 34 Münchner Marathonläufe verpasst.

Vier Tage bestes Laufwetter nahmen auch Ultra-Trailerin Sybille Mai von der TG Viktoria Augsburg oder M60-Meisterläufer Hans Bouricha-Hörmann (FC Ebershausen) zum Anlass, etwas mehr zu tun. M55-Dauerbrenner Jürgen Steiner (DJK Weiden) gönnte sich nur einen Lauftag, den aber mit 43 Kilometer in 3:33 Stunden ausgiebig.

Richtig krachen ließen es mit über 100 Kilometer Friederike Altdörfer, Stephan Bernauer, Thorsten Dänner, Frank Heller, Sebastian Reich, Thorsten Reichert, Christian Reise und Ralf Wernicke.
Vor allem aber Martin Zangh.

Münchner Ultraläufer macht an vier Tagen 273,5 Kilometer

Das unglaubliche Pensum des Münchner Ultraläufers: am Karfreitag 54 Km, am Karsamstag 52 km, am Ostersonntag 90 km und am Ostermontag 76 km. Wie? Was? Martin Zangh kann das. Er hat auch den letzten Deutschlandlauf 2019 gefinisht …und sich bereits für die nächsten 20 Etappen, 1300km von Sylt bis auf die /zur Zugspitze vom 21.08. – 10.09.2021 angemeldet. Das war für ihn jetzt wirklich gutes Training.

Auch in und um Passau waren die Osterläufer unterwegs. Recht flott wie Stephan Fruhmann, der für seinen Ostermarathon nur 2:34 Stunden benötigte. Mit Ehefrau Lisa war Maxim Fuchs, der bayerische Marathonmeister ebenso dabei wie Meistertrainer Günter Zahn mit Ehefrau Gabi.

Das bunte Läuferbild rundete einer ab, der nur hier am Ende steht. Ansonsten steht er im Laufsport an erster Stelle. Ein Olympiastarter über 5000 Meter, ein Laufkenner wie sonst keiner und einer, dem man auch schon für das nächste Jahr 2021 als dann 80 jährigem wünscht, so laufen zu können wie an Ostern 2020: Manfred Steffny, Herausgeber des Laufmagazin Spiridon hatte auch seine Virtuell-Run-Premiere!